Die Frage nach dem Warum

Tragödie im Erlebnisbad: Mutter sucht nach einem Schuldigen

+
Gut 40 000 Quadratmeter groß ist das Wellenberg-Areal in Oberammergau. Zum Zeitpunkt des Unglücks mussten zwei Bademeister den Innen- und Außenbereich mit den acht Becken überwachen . 

Ein zehnjähriger Bub ist im Oberammergauer Erlebnisbad Wellenberg ertrunken. Fahrlässige Tötung – dieser Vorwurf steht im Raum. Nachdem das Verfahren gegen die drei Jugendbetreuer eingestellt wurde, müssen sich die beiden Bademeister weiter vor Gericht verantworten.

Garmisch-Partenkirchen/ Oberammergau – Ihren Sohn bringt nichts zurück. Das ist der 41-Jährigen aus Langerringen (Landkreis Augsburg) bewusst. Ihr Bub, den sie am 2. Juli 2016 mit seiner Fußball-Nachwuchsmannschaft zum Ausflug Richtung Ötztal geschickt hat, ist tot. Ertrunken im Oberammergauer Wellenberg. Doch die Mutter, die genau wie ihre vier Kinder (13, 9, 7 und 2) noch immer mit der Tragödie zu kämpfen hat, sucht nach einem Verantwortlichen. Einem, dem sie das schreckliche Unglück anlasten kann. „Ich will die Leute vom Bad und die Gemeinde Oberammergau nicht einfach so davonkommen lassen“, sagt sie. Deshalb zieht sie am Dienstagmittag vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen auch eine Zivilklage wegen fahrlässiger Tötung in Betracht.

Der Abstecher in das Erlebnisbad war gar nicht geplant. „Ich wusste auch nichts davon“, betont die Frau. Nur zufällig landete die Gruppe – zehn Kinder und acht Betreuer – dort, nachdem am Fernpass Stau geherrscht hatte, und der Busfahrer eine andere Route heimwärts eingeschlagen hatte. Als dann auch noch Regen einsetzte und die Idee, den Tag an der Sommerrodelbahn in Unterammergau ausklingen zu lassen, verworfen wurde, ging’s in den Wellenberg. Davon erzählen der damalige Trainer und die beiden Jugendleiter vor dem Schöffengericht. Immer wieder. Für sie ist’s Schicksal. Einer sagt sogar: „Für mich hat das der liebe Gott entschieden.“ Eine Verkettung unglücklicher Umstände. Die schon vor dem Start ihren Anfang nahm, weil sich die Betreuer eben nicht explizit nach den Schwimmkenntnissen der Teilnehmer erkundigt hatten. Und weil es die Mutter versäumt hatte, ihnen zu sagen, dass sich ihr Sohn „zwar über Wasser halten konnte, er aber insgesamt kein perfekter Schwimmer war“. Davon erfuhr einer der Jugendleiter (48) erst vor der Rafting-Tour – von dem Zehnjährigen unter Tränen.

Badegäste zogen über Buben am Beckenboden ihre Bahnen

Den Vertretern des Vereins machen die Mutter und der Stiefvater (40), die beide als Zeugen geladen sind, keine Vorwürfe. Von ihnen fühlen sie sich unterstützt – emotional und auch finanziell. Den beiden Bademeistern, die nach der Entlassung der drei Betreuer – das Verfahren gegen sie wurde gegen Geldauflagen eingestellt – auf der Anklagebank verbleiben müssen, auch nicht. Zumindest nicht direkt.

Dennoch bleiben sie weiter im Visier von Staatsanwältin Constanze Schneider. Vor allem das Bildmaterial, auf dem der verzweifelte Überlebenskampf des Viertklässlers zu sehen ist, bestärkt sie in ihrer Haltung. Fünf Minuten versuchte der Bub immer wieder, sich über Wasser zu halten. Erst kraftvoll, dann wurde er schwächer. Schließlich sackte er zusammen, blieb auf dem Beckenboden liegen. Acht Minuten lang. Acht Minuten, in denen andere Badegäste über ihm ihre Bahnen zogen, Kinder sogar zu ihm hinuntertauchten, ihn anstupsten. Auf zwei Monitoren werden die Bilder gezeigt. Bilder, die fassungslos machen.

Überlebenskampf blieb auf Überwachungsmonitor unbemerkt

Ein Kind schließlich holte seine Mutter zu Hilfe, die den leblosen Buben rauszog. Die Bademeister merkten erst da, dass etwas Schlimmes passiert war. Obwohl sie sich zur fraglichen Zeit in der verglasten Aufseherkabine aufgehalten hatten. Wie das sein kann, das gilt es an einem zweiten Verhandlungstag Ende August zu klären.

Mit den Erklärungen der beiden Anwälte, Christian Langhorst und Michael Röhrig aus Garmisch-Partenkirchen, gibt sich die Staatsanwältin nicht zufrieden. „Es ist ganz neu, dass es da so viele Brandherde auf einmal gab“, moniert sie.

Bilder von neun Überwachungskameras – zwei davon filmen unter Wasser in dem Sportbecken, in dem der Zehnjährige ertrank – werden auf einem Monitor im Bademeister-Büro übertragen. Jede Einspielung sei etwa 10 mal 17 Zentimeter groß, betont Langhorst. Nachdem um 16.32 Uhr am fraglichen Tag Kinder in Kolonne eine der Rutschen runtersausten, konzentrierten sich die Wellenberg-Mitarbeiter darauf. Um 16.35 Uhr stand ein etwa vierjähriges Mädchen allein am Beckenrand – ohne Schwimmflügel. Während einer der beiden Diensthabenden diese Gefahrenquellen im Auge behielt, kontrollierte der andere die Chlor-, PH-, Redox- und Temperaturwerte am Computer. Ein heftig blutendes Kind kam um 16.41 Uhr in ihre Kabine und musste verarztet werden.

Zwei Bademeister für gut 40.000-Quadratmeter-Areal

All das geschah, während der Viertklässler in dem 1,80 Meter tiefen Becken um sein Leben kämpfte. Der Anklageschrift zufolge hätte er bis 16.38 Uhr gerettet werden können. Doch sein Kampf blieb unbemerkt auf dem 10 mal 17 Zentimeter großen Ausschnitt. „Zunächst schaut es wie ein spielendes Kind aus“, sagt Röhrig. Das räumt auch Richter Andreas Pfisterer ein. „Am Anfang sicher, aber irgendwann merkt man, dass es eine ungewöhnliche Situation ist.“ Allerdings nur, wenn man unentwegt allein auf diesen Teil des Bildschirms schaue, unterstreicht Langhorst.

Er und sein Kollege zeigen umfassend auf, wie enorm das Aufgabenspektrum der beiden Bademeister ist. Zu zweit mussten sie damals das gut 40 000 Quadratmeter große Areal mit acht Becken, Rutschen und Sprunganlagen überwachen – mittlerweile sind drei, an besucherstarken Tagen sogar vier im Einsatz. Allein das lässt die Staatsanwältin aber nicht gelten. „Noch können wir das Ausmaß des Verschuldens nicht festzurren.“ Deshalb werden für den nächsten Prozesstag weitere Zeugen geladen.

Quelle: tz