Warten auf das Wunder

Hunderte Dorfbewohner warten, dass ihnen Maria erscheint 

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Hier soll die Maria erscheinen: Laurentius-Kapelle in Unterflossing (Oberbayern).

Hunderte Menschen kommen in der Nähe von Mühldorf zu einer angeblichen Marienerscheinung vor einer kleinen Privatkapelle. Was steckt dahinter?

Unterflossing – Er hat gewerkelt, jahrelang, am Turm und im Keller, und jetzt kommt so hoher Besuch. Die Mutter Gottes. Otto Masszi, 57, hat sie eingeladen zu seiner Kapelle in Unterflossing, und sie hat angenommen. Davon sind zumindest er und hunderte Pilger überzeugt. Nur die Kirche noch nicht.

Otto Masszi ist der Eigentümer der Laurentius-Kapelle.

Aber das ist Masszi wurscht. „Da kann der Bischof von mir aus einen Kreistanz aufführen, da bin ich stur, und wenn er mich zehn Mal entlässt“, sagt er vor dem Altar in der Laurentius-Kapelle nahe Mühldorf am Inn. Vor sechs Jahren kaufte er sie, jetzt schüttet er, in grünem T-Shirt, Jeans und barfüßig in Sandalen, Hostien in eine goldene Schale, Wein in einen Kelch. Gleich beginnt ein Rosenkranz, dann ein Mariengottesdienst.

Zwei Berufe hat Masszi, im Landratsamt München arbeitet er als Umweltschützer an Bebauungsplänen, in diversen Pfarreien spielt er Orgel, deshalb ist auch die Kirche sein Geldgeber. Aber seine Berufung ist diese kleine, alte Kapelle am Rand von Unterflossing. Draußen wird die Straße erneuert, ein bisschen Staub weht herein, aber hier ist ohnehin noch nicht alles fertig. 

Als Masszi die 1845 erbaute Kapelle kaufte, war sie fast verfallen. Die Wände grün vor Feuchtigkeit, der Turm drohte einzustürzen. Geld und Arbeitszeit im Wert von rund 100.000 Euro habe er seither in die Kapelle gesteckt, schätzt Masszi. Mit Denkmal-Förderung, Spenden, Sparsamkeit und eigener Arbeitskraft.

Bald wollen er und andere Gläubige sich wieder sammeln unter den Ulmen links von der Kapelle, um den selbst ernannten Seher Salvatore Caputo aus Italien zu begrüßen und mit ihm die Heilige Maria. Mit 2000 Menschen rechnet Masszi. Schließlich sind im März schon Hunderte in den winzigen Ort gepilgert, zum ersten Termin.

Pünktlich um 16.30 Uhr wird die Maria erscheinen

Die Mutter Gottes hatte sich Caputo präzise angekündigt, 16.30 Uhr. Am 9. September kommt sie wieder, sagt Masszi, wieder um 16.30 Uhr. Nun halten das manche für den Beweis, dass die Sache erstunken und erlogen ist. Seit wann kündigt die Heilige Maria an, dass sie erscheinen will, mit genauer Uhrzeit? „Ach“, sagt Masszi da, „die ist doch lange genug auf der Erde, warum sollte sie die Uhr nicht lesen können?“

Er hat Maschinenbau studiert, wie er sagt, und auch Astronomie, im Landratsamt setzt er das Bundes-Immissionsschutzgesetz um. Naturwissenschaft ist ihm nicht fremd. Wie kommt es, dass dieser Mann einen nicht anerkannten Seher einlädt und überzeugt ist, dass in den Ulmen vor seiner Kapelle die Kraft von Maria steckt?

„Ich habe viele Erfahrungen im Leben gemacht, wo ich die Nähe der Mutter Gottes gespürt habe, und da ist für mich natürlich klar, dass da was dran ist“, sagt Masszi. Auch in seinem Kirchenchor sagten manche: Wir kommen dir zuliebe, aber daran glauben tun wir nicht. Seine Antwort: „Wer nicht kommt, macht mein Klo nicht dreckig.“ An diesem Abend kommen nur ein paar Menschen zu dem Mariengottesdienst ohne Erscheinung. Gläubige, ein Pater und eine Sängerin. Für sie hat Masszi Pizza da, wie immer, wenn jemand ihm hilft in der Kapelle. Und für den Fall, dass Jesus kommt und etwas essen möchte, sagt er: „Kann ja sein.“

Die Laurentius-Kapelle in Unterflossing hat im Navi keine Hausnummer. Über dem Baum rechts soll die Heilige Maria erschíenen sein.

„Kraftort“ nennt er seine Kapelle, das sei Maria zu verdanken, der Heiligen natürlich. Sie habe die Figuren, die die Wände zieren, selbst geweiht. In Kolbing, dem Vorgänger-„Kraftort“: eine Privatkapelle einer Bauersfamilie bei Walpertskirchen nahe Erding. Dorthin war Caputo 2016 gekommen, Hunderte folgten ihm. Drei Mal lief das so, bis der Sohn des Bauern dem Wunder, echt oder inszeniert, ein Ende bereitete.

Masszi war dabei, alle drei Mal. „Salvatore ist für mich kein Hochstapler“, sagt er. Seine Menschenkenntnis sei gut, er nennt sich wachsam, und sei es bei Freimaurern, von denen er glaubt, dass sie die Weltherrschaft übernehmen wollen. In Caputo sieht er einen wahren Katholiken. Also schrieb Masszi ihm und der Mutter Gottes einen Brief mit einer Einladung. Die Mutter Gottes zierte sich etwas, Caputo reiste nach Unterflossing, sah sich die Kapelle an, und schließlich kam von Maria das Startsignal.

Und siehe da, ein Video auf Masszis Handy zeigt es: Pünktlich um 16.30 Uhr fiel Caputo unter den Ulmen plötzlich aus dem Stand auf die Knie. Viele Besucher waren sicher: Der war in Trance, weil er Maria sah, man habe Rosenduft gerochen. Dass der selbst ernannte Seher zur Schau stürzte, glaubt Masszi nicht. „Meine Knie würden das nicht mitmachen!“ Außerdem sei Caputo in den Matsch gefallen, seine Hosen aber seien sauber geblieben.

Das sagt das Erzbischöfliche Ordinariat München und Freising dazu

Die Mesnerin Rita Unterholzner roch Rosenduft.

Das Erzbischöfliche Ordinariat München und Freising beäugt die Zeremonien misstrauisch. „Der Garten des Glaubens ist ein vielfältiger“, sagt eine Sprecherin. „Da haben viele Dinge Platz. Wir prüfen, ob auch das Platz hat.“ Solche Phänomene sind diffizil für die Kirche, nicht nur, weil sie nicht jeder sehen kann. Die Erscheinungen, die Caputo in Mantua angeblich hatte, wurden vom dortigen Bistum untersucht und von der Kirche nicht anerkannt. Die Unterlagen aus Italien lässt sich das Ordinariat kommen. Dann entscheidet es, ob es selbst untersucht – und Masszi weiter beauftragt als Kirchenmusiker. Schon jetzt sind dort mehrere Fachbereiche befasst mit Unterflossing, auch der Sektenbeauftragte. Die Kirche hat Sorge, dass eine erfundene Mutter Gottes Dinge sagen könnte, die der Glaubenslehre widersprechen. Oder dass jemand Reibach macht mit gutgläubigen Frommen.

Andreas Adamhuber ist überzeugt vom Wunder.

Fromm ist auch Rita Unterholzner, Masszis Mesnerin. Sie betet an diesem Abend den Rosenkranz vor, und im März war sie auch da. „Ich bin da sehr empfänglich“, sagt die 74-Jährige. „Es war sehr ergreifend.“ Auch ihr Enkel kam mit, er ist 20. Er sei überzeugt von Marias Besuch, sagt Andreas Adamhuber. „Und von was ich überzeugt bin, das glaub ich auch.“

Pater Sebastian predigt zum Mariengottesdienst.

Caputo spendet vielen Trost, sagt Pater Sebastian, der an diesem Abend die Predigt hält. „Ich muss aber ganz ehrlich sein: Ich hab’ keinen Eindruck gehabt.“ Aber die Erscheinung, sagt er, sei auch nebensächlich – die Seelsorge sei wunderbar. Machen Caputo, Masszi und Maria also dem örtlichen Pfarrer seine Gläubigen abspenstig?

Pfarrer Armin Thaller lacht. Er kümmert sich um den Pfarrverband Flossing und ist Masszi dankbar, dass er das Laurentius-Patrozinium mit den Unterflossingern feiert und Konzerte organisiert. Aber für den neuen Trubel hat er nicht viel übrig. „Meine Devise ist: möglichst wenig Aufregung. Von Hysterie hat noch nie jemand was gehabt.“ Ein großer Teil der Gemeinde, erzählt er, halte die Erscheinungen für Schwachsinn. Andere erschrecken. Muss ich das jetzt glauben, auch wenn ich das nicht glauben mag? Thaller sagt: Du musst nicht.

Was den Pfarrer eher umtreibt, sind die vielen Auswärtigen, die zu den „Gebetsnachmittagen“ nach Unterflossing kommen. Werden religiöse Fanatiker andere anstecken? Masszi habe das Herz ja am rechten Fleck, sagt Thaller. „Auch wenn er diesen Phänomenen mit einem gewissen kindlichen Glauben begegnet.“

Seinen Glauben hat Masszi wirklich aus der Kindheit. Nicht von seinen Eltern, sondern weil er aufs Maristen-Internat ging. Sein Grundschullehrer habe ihn geschlagen, erzählt er, sein Vater schlug ihn auch. Bei den Maristen fand er ein Zuhause, jetzt kann er der Heiligen Maria etwas bieten. Sie habe sich einen Brunnen gewünscht, erzählt er. Also ließ er einen bauen, aber er blieb trocken. Als er das nächste Mal kam, floss Wasser. Für ihn ein Beweis für das Wirken der Mutter Gottes. Geschäft machen aber wolle er nicht mit den Pilgern. Beten bringt Gnade, sagt er, nicht Geldmachen.

Die Wände der Kapelle ließ Masszi Meter für Meter wieder bemalen, er pflasterte und stützte den Turm mit Holz und Metall. Er schafft wieder einen Raum der Andacht, und wenn er Pause macht, stellt er einen alten Holzstuhl aufs Pflaster vor die hölzerne Tür und setzt sich. Das ist sein Urlaub. Ganz nah bei der Heiligen Mutter Gottes.

Von Sophie Rohrmeier

Quelle: Merkur.de