100 Jahre Frauenwahlrecht

„Viele Gesetze verdanken wir Frauen“

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Kämpferin für die Rechte der Frauen: Ursula Männle war Bundes- und Landtagsabgeordnete – zu einer Zeit, als es Frauen in der Politik deutlich schwerer hatten.

Urusula Männle war eine der ersten Frauen im Bundestag. Sie berichtet, wie  sehr Frauen in der Politik kämpfen müssen - damals und heute. 

Tutzing – Ursula Männle ist Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung. Als sie begann, sich politisch zu engagieren, wäre dieses Amt für eine Frau noch undenkbar gewesen. Als eine der ersten Frauen im Bundestag weiß die CSU-Politikerin, wie stark der Gegenwind in den 70er-Jahren für Frauen noch war. Die 74-Jährige aus Tutzing (Kreis Starnberg) kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte der Frauen. Auslöser war 1969 ein Brief. Aufhören wird es wohl nie. Sie sagt: „Frauen werden wieder oft auf die Seite gedrängt.“

-1969 haben Sie eine Absage für eine Stelle in der Entwicklungspolitik bekommen – mit der Begründung, Frauen könne man in diesem Beruf nicht brauchen. Was ging Ihnen damals durch den Kopf?

Jetzt erst recht! Ich kämpfe seitdem für die Gleichberechtigung von Frauen auch im Beruf. Damals ist mir das erste Mal richtig bewusst geworden, dass ein Unterschied gemacht wird zwischen Frauen und Männern. Als ich in die Politik eingestiegen bin, war ich die einzige Frau. Und jahrelang war ich eine Alibi-Frau.

-Erst haben Sie die Stelle nicht bekommen, weil Sie eine Frau sind. Und dann haben Sie politische Ämter nur deswegen erhalten. Wie hat sich das angefühlt?

Das war belastend. Ich musste zeigen, dass ich mindestens genauso viel leiste wie Männer. Aber es war auch ein Ansporn. Das ging mir mein ganzes Berufs- und politisches Leben so.

-Waren Sie Ihrer Zeit damals voraus?

Der Einsatz für Frauen war immer erforderlich und hat sich gelohnt. Er war nicht selbstverständlich. Aber ich denke auch, dass sich Frauen heute noch in vielen Positionen erst beweisen müssen. Einen Unterschied gibt es zu früher: Ich musste zwar um Anerkennung kämpfen, bin von Männern aber nicht als Konkurrenz gesehen worden. Denn damals waren bestimmte politische Posten für Frauen quasi reserviert.

-Wie politisch sind Frauen heutzutage?

Zu meiner Zeit war es noch undenkbar, dass eine Frau einmal ein Verteidigungsministerium führt. Frauen werden heute längst nicht mehr als unweiblich abgestempelt, wenn sie sich mit Politik beschäftigen. Sie haben begriffen, dass viele Bereiche ihres Alltags Politik sind: die Frage der Lohngleichheit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Wohnsituation. Früher dachten viele Frauen, das sei ein individuelles Schicksal. Heute wissen sie, dass sie gesellschaftliche Strukturen verändern können.

-Wieso sitzen im Landtag trotzdem deutlich mehr Männer als Frauen?

Es entscheiden ja die Parteigremien, wer für ein Direktmandat aufgestellt wird und wer welchen Listenplatz bekommt. Es gibt viele Frauen, die sich nicht in der parteipolitischen Arbeit engagieren wollen. In meiner Partei liegt der Frauenanteil nicht mal bei 25 Prozent – wie sollen Frauen so 40 Prozent der Posten besetzen?

-In vielen skandinavischen Ländern ist die Frauenquote besser. Wieso?

Das liegt daran, dass sie dort ein Verhältniswahlrecht haben. Das macht es Frauen leichter, gewählt zu werden. Großbritannien zum Beispiel hat das Mehrheitswahlrecht, dort ist es für Frauen noch schwerer. Wir liegen mit unserem gemischten Wahlrecht dazwischen, Frauen können durch die Listen ein bisschen etwas ausgleichen. Aber wenn eine Partei nur Direktmandate gewinnt, geht der Sitz meist an einen Mann.

-Würde ein Parité-Gesetz helfen?

Wenn sich in einer Partei deutlich mehr Männer als Frauen engagieren, würde es nichts helfen, wenn es eine Frauenquote für die Listen gäbe. Wie will eine Partei bestimmen, ob in einem Wahlkreis ein Mann oder eine Frau aufgestellt wird? Helfen würden höchstens Mehrpersonen-Wahlkreise. Aber das würde eine völlige Änderung unseres Wahlsystems bedeuten. Das halte ich für schwer durchsetzbar.

-Sie haben schon 1979 bewiesen, dass es auch mit unserem Wahlrecht für Frauen möglich ist, einen Sitz im Bundestag zu bekommen....

Aber der Gegenwind war groß. Ich bin über einen Frauenposten auf der Liste in den Bundestag gekommen. Und als Nachrückerin. Wir Frauen haben damals dafür geworben, mit der Zweitstimme gezielt eine Frau zu wählen. Wer kein Direktmandat hatte, war auf ein sehr gutes Ergebnis der Partei angewiesen, da so auch noch Listenkandidaten in den Bundestag kamen. Bei der Landtagswahl ist das schwieriger, denn hier stehen die Parteikollegen um die Listenstimmen untereinander in großer Konkurrenz. Der Kampf um sichere Wahlkreise ist gnadenlos. Ich erinnere mich noch gut, wie ich 1970 Mathilde Berghofer beim Wahlkampf geholfen habe. Wir sind mit unserem VW-Bus von öffentlichen Plätzen regelrecht verscheucht worden. Es gab nur wenige Kollegen, die uns erlaubten, auf ihrem Marktplatz Wahlwerbung zu machen. Teilweise wurden unsere Plakate abgehängt oder überklebt – von den eigenen Leuten.

-Wie würde unser Land aussehen, wenn es in der Politik keine Frauen gäbe?

Um viele Gesetze ärmer. Vor hundert Jahren haben sich die Frauen vor allem im sozialen Bereich engagiert. Die ersten Gesetze, die sie initiierten, drehten sich um Kinder- und Familienrechte. Auch die Debatte um das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Frauen wäre ohne sie nicht zustande gekommen. In den 80er-  und 90er-Jahren haben wir Frauen oft Allianzen geschmiedet, um Gesetze anzustoßen – auch über Parteigrenzen hinweg.

-Was würden Sie Frauen raten, die überlegen, sich politisch zu engagieren?

Tut es! Man kann in jeder Bürgerinitiative etwas erreichen. Aber wenn man etwas tiefgreifend verändern will, muss man es politisch angehen.

-Glauben Sie, Sie hätten so viel erreicht, wenn Sie es leichter gehabt hätten?

Mich hat es immer angespornt, wenn man es mir schwer gemacht hat. Aber vermutlich hätte ich erst viel später für die Rechte der Frauen gekämpft. Meine Nichte sagte früher immer: „Was du immer mit deinen Frauenrechten hast!“ Seit sie das Berufsleben kennt, gibt sie mir Recht. Es gibt noch vieles zu verbessern. Oft habe ich das Gefühl, weil der Kampf subtiler ausgetragen wird, lässt die Energie nach. Die Frauen spüren noch nicht, dass sie gerade sehr aufpassen müssen, sie werden wieder schneller auf die Seite gedrängt. Es darf keinen Rückschritt geben. Wir müssen gleichberechtigt leben – aber mit Frauenbewusstsein.

Quelle: Merkur.de