Wenn sich der innere Trieb zu Wort meldet

Vergessene Versprechen - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern und ist Vorsitzende des Ethik-Rates.

Wollen wir uns mal treffen? Sigmund Freud, der große Analytiker, schrieb ein nahezu belletristisches, herrlich lesenswertes Buch über das menschliche Dasein: „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“. Es ist 1941 erschienen.

Der geneigte Lesende erfährt, was es bedeutet, wenn man sich verspricht, verhört, etwas verliert und vergisst oder einem sonst ein unerwünschtes Versehen unterläuft. Es ist nicht alles so, wie es aussieht, meint Freud.

Der innere Trieb, das Es, das so oft vom Ich, vom Realitätsprinzip, gesteuert wird, meldet sich zu Wort, wenn man etwas verpatzt. Und siehe da: Mit seinem vermeintlichen „Fehler“ kommt genau das zum Ausdruck, was man wirklich möchte oder meint. Eine Fehlleistung ist genau genommen eine Richtigleistung. Irgendetwas war der inneren Zensur zum Opfer gefallen und taucht jetzt vernehmlich wieder auf.

Versprecher können amüsante Züge bekommen

Das kann ganz amüsante Züge bekommen. Jemand eröffnet ein Zusammentreffen mit den Worten: „Die Sitzung ist geschlossen!“ Sofort verständlich. Genauso wie die Frage, ob das Gegenüber seinen neuen Hut selbst „aufgepatzt“ hat. Wenn Tatsachen zum „Vorschwein“ kommen, ahnt man etwas von unangenehmen Hintergründen, ebenso wie „rückgratlos“ nicht eben ermutigend bei einem Vorhaben klingt.

Sehr ernsthaft ist die Frage, was mit all den Versprechen ist, die einem gegeben und nicht gehalten werden. Die man vielleicht selbst vollmundig an andere verstreut und alsdann vergisst. „Wir laden Euch demnächst zum Essen ein!“ „Ich komme bestimmt bald vorbei.“ „Wir müssen uns unbedingt mal sehen“. Viele leere Versprechen? Es kann sein, dass die Motive für eine Einladung oder einen Besuch sich ändern. Dann revidiert man das Ganze. Aber vergessen?

Der gute Freud wartet auch hier mit interessanten Erklärungen auf, die es wert sind, bedacht zu werden. Da gibt es womöglich einen „Gegenwillen“ - ein inneres Sträuben, das demonstrativ im Vergessen endet. Oder der, dem man etwas verspricht, ist einem tatsächlich nicht (mehr) wichtig. Beides wenig erfreulich, für die, die es trifft - und für den, der sich und seine wahren Gefühle so deutlich entlarvt. Was tun? Allein das versprechen, woran einem wirklich liegt.

Sich in Zurückhaltung üben und nicht im Überschwang leichtfertig Zusagen machen, die der Konvention entsprechen mögen, aber nicht der wahren Gefühlslage. Ich führe sicherheitshalber eine Liste mit allem, was ich versprochen habe. Und vermute, dass Freud recht hat: „Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre.“ Und ein Versprechen einfach ein Versprechen.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.