Vertrauen in die Polizei

Viel anvertraut, viel fordern! - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern

Das Vertrauen in die Polizei ist erschüttert. Doch eine Studie kann helfen, um die alte Wertschätzung neu zu gewinnen. Eine Kolumne von Susanne Breit-Keßler.

Ein Freund von mir hat es im Hessischen Rundfunk auf einen Nenner gebracht: „Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ Mit diesem Bibelzitat aus dem Lukasevangelium kommentierte er die Vorfälle um die Polizei in Nordrhein-Westfalen. Uniformträger haben sich jahrelang menschenverachtende Bilder mit rechtsextremistischem Inhalt zugeschickt. Nicht der einzige Fall.

In München weitet sich der Drogenskandal bei der Polizei aus. Über 20 Polizisten stehen unter Verdacht, Drogen und Dopingmittel konsumiert und verkauft zu haben. Ein Heer von Ermittlern ist unterwegs, um diesen Skandal aufzuklären. Man kann offenbar fest davon ausgehen, dass es nicht bei der bisherigen Zahl Beschuldigten bleibt. Von einem „Rattenschwanz“ war die Rede, den die Untersuchungen wohl nach sich ziehen werden.

Es stimmt: Der Polizei ist viel anvertraut – und deswegen kann und muss man viel von ihr fordern. Sicher und zu Recht. Jahrzehntelang habe ich mich für „unsere Polizei“ stark gemacht und lauthals ihr Loblied gesungen. Das Vertrauen ist erschüttert. Eine Studie über den inneren Zustand der Polizei, nicht allein über Rassismus, sondern auch über falsch verstandenen Korpsgeist und mangelnde Fehlerkultur ist jetzt einfach dran. Wer sich dem verweigert, schadet Polizisten und Polizistinnen. Denen, die Tag für Tag Schicht um Schicht schieben, weit über die Grenzen der eigenen Kraft. Die beleidigt und attackiert werden. Die ihren Kopf hinhalten, um uns anderen zu helfen. Die mit schlimmen Bildern in Kopf und Seele zurechtkommen müssen – von Menschen, die verunglückt sind, von Opfern schrecklicher Gewalttaten, von Tätern.

Polizistinnen und Polizisten sind keine Übermenschen. Sie haben wie andere Probleme und brauchen Hilfe, um mit sich selbst und ihrem Beruf im Reinen zu bleiben. Eine Studie über den inneren Zustand unserer Polizei wird zeigen, wo Defizite liegen und was man tun kann, damit Männer und Frauen in Uniform die alte Wertschätzung als wahrer Freund und Helferin neu gewinnen können.

Eine verlässliche und vertrauenswürdige Mehrheit bei der Polizei darf nicht darunter leiden, dass eine Minderheit mit ihren kriminellen Machenschaften das Vertrauen in demokratische Institutionen und damit in den Rechtsstaat untergräbt. „Wem viel anvertraut ist, von dem wird man viel fordern.“ Trefflicher kann man es nicht sagen.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.