Darum sagt er Adieu

Lokal-Schließung macht Wirt schwer zu schaffen - „Ich wollte bis zur Rente hier bleiben“

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Sein Traum hat ihn ruiniert: Nach nur elf Monaten verlässt Tanguy Doron den Waitzinger Bräu am Miesbacher Stadtplatz. Er habe sein gesamtes Geld investiert, sagt er, doch das Geschäft sei nicht wie erhofft gelaufen.

Er opferte seine letzte Lebensversicherung für seinen Traum. Nun muss Wirt Tanguy Doron den Waitzinger Bräu in Miesbach doch aufgeben. Ein schmerzhafter Abschied.

Miesbach – Tanguy Doron sitzt an einem Tisch im dunklen Gewölbe des Waitzinger Bräu. Immer wieder nimmt er seine Brille ab, wischt sich über die Augen. „Ich liebe Miesbach“, sagt der Wirt. Der Traditionsgasthof am Stadtplatz sei von Anfang an sein Traum gewesen. Nicht umsonst habe er mit Hauseigentümer Korbinian Kohler einen Pachtvertrag auf zehn Jahre geschlossen, den er nun doch kündigte. „Ich wollte bis zur Rente hier bleiben“, sagt Doron und schluckt. „Jetzt werde ich 50 und bin pleite.“ Seine letzte Lebensversicherung habe er geopfert, um doch noch die Kurve zu kriegen. Jetzt steht er vor dem Abgrund. Und der Waitzinger Bräu seit Donnerstag wieder leer.

So recht kann es der Franzose immer noch nicht glauben, was aus seinem Traum einer bayerischen Brasserie geworden ist. Der Start vor elf Monaten war vielversprechend. Die Miesbacher waren begeistert, dass der Waitzinger Bräu nach einem fast zweijährigen Leerstand wieder aufsperrte. Auch der Sommer lief gut, erzählt Doron. Der Einbruch folgte im September mit dem Ende der Biergartensaison. „Das hat rapide eingeschlagen“, sagt der Wirt. Das Mittagsgeschäft ebbte ab, und auch abends waren viele der großen Holztische nicht mehr besetzt.

Vorzuwerfen habe er sich nichts, meint Doron. „Ich habe alles versucht.“ Von Flammkuchen bis zum Schweinsbraten deckte er ein breites kulinarisches Spektrum ab. Seine Stammgäste hätten den persönlichen Service geschätzt. „Wir haben jeden begrüßt und verabschiedet“, sagt Doron. Für ihn sei es Teil des französischen Flairs, die Gäste zu „pflegen“. Die nannten ihren Wirt liebevoll „Napoleon“.

So sehr Doron die Miesbacher ins Herz geschlossen hat: Leicht gemacht haben sie es ihm nicht immer, meint der Wirt. „Die Unterstützung war leider nicht so groß, wie ich gehofft habe.“ Als Beispiel nennt er die Außentische, die er gerne an der Stadtplatz-Seite des Gasthofs aufgestellt hätte. Wie berichtet, lehnte der Bauausschuss den Antrag des Gastronomen ab. Dorons Verdacht: „Der Bräuwirt darf alles, ich nichts.“

Das will Miesbachs Zweiter Bürgermeister Paul Fertl so nicht stehen lassen. Das Gebäude des Bräuwirt gehöre zwar der Stadt, dennoch würden alle Gastronomen gleich behandelt. Die Entscheidung gegen die Tische vor dem Haus hätte rein praktische Gründe gehabt. „Wir haben das schon mal probiert, aber es hat nicht funktioniert.“ Dass der Waitzinger Bräu nun wieder leer steht, sei jedoch „sehr bedauerlich“, sagt Fertl. „Da geht wieder eine Lücke am Stadtplatz auf.“ Gerade für die Nachbarn eine unerfreuliche Entwicklung.

Ob sich bald ein Nachfolger für Doron findet, steht in den Sternen. „Wir werden uns dafür eine grundsätzlich neue Lösung überlegen“, kündigt Eigentümer Korbinian Kohler an. Wie berichtet, versucht der Besitzer des Hotels Bachmair Weissach und weiterer Immobilien im Tegernseer Tal seit 2015, einen Käufer für das Haus Waitzinger zu finden. Anfangs war das Gebäude aus dem Jahr 1785 mit sechs Gewerbe- und acht Wohneinheiten für 3,15 Millionen Euro ausgeschrieben. Mittlerweile kümmert sich die Kreissparkasse Miesbach um die Vermarktung. Als Kaufpreis für das laut Exposé zuletzt 2011 modernisierte Objekt sind mittlerweile 3,89 Millionen Euro aufgerufen – bei Mieteinnahmen von derzeit 155 640 Euro pro Jahr. Zum Stand des Verkaufs will sich Kohler nicht weiter äußern.

Sein früherer Pächter hat hingegen ganz andere Probleme. „Wir stehen auf der Straße“, sagt Doron über sich und seine vier Mitarbeiter. Seine Service-Kraft Britta Pfortner ist seit acht Jahren für ihn tätig – und hat ihn sogar von Freising nach Miesbach begleitet. Jetzt müssen sich die beiden neue Jobs suchen. Für Doron steht fest, dass er vorerst kein eigenes Lokal mehr betreiben will. Ein harter Schritt nach 20 Jahren Selbstständigkeit. „Aber ich bin nicht blauäugig“, sagt der Franzose.

Von seinen Miesbacher Gästen hat er sich gestern mit einem bayerischen Weißwurst-Frühschoppen verabschiedet. „Leider“, sagt Doron, „sind nicht sehr viele gekommen.“

Quelle: tz