Gemeinsam gegen die Altersarmut in Oberbayern

Wenn die Lebensleistung nichts wert ist - Auftakt der Spendenaktion des Münchner Merkur 

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Ein Lichtblick für Ältere in Not: Die Sparda-Bank München spendet auch heuer für den Verein Lichtblick Seniorenhilfe 250 000 Euro. Das Geld stammt aus dem hausinternen Gewinn-Sparverein. Bei der Scheckübergabe (v. l.): Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis, die Kommunikationsdirektorin der Sparda-Bank München Christine Miedl, die Absolventin der katholischen Journalistenschule ifp Carolin Hasenauer, der Vorstandsvorsitzende der Sparda-Bank München Helmut Lind, die Vereinschefin Lydia Staltner und Merkur-Redakteurin Barbara Nazarewska.

Was bedeutet Altwerden in unserer Leistungsgesellschaft? Und: Wer sind die Verlierer? Vor allem Menschen, die sich einen würdigen Lebensabend nicht leisten können – trotz jahrzehntelanger Arbeit. Daher unterstützt der Münchner Merkur zusammen mit der Sparda-Bank München den Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“.

München – Der Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“ kümmert sich um bedürftige Rentner aus der Region. Zum Auftakt unserer diesjährigen Spendenaktion haben wir drei Experten an einen Tisch gebracht: den Vorstandsvorsitzenden der Sparda-Bank München, Helmut Lind, die Vereinschefin Lydia Staltner und die Studentin Carolin Hasenauer, die sich an der katholischen Journalistenschule ifp mit einem herausragenden Projekt zu diesem Thema (siehe Randspalte) befasst hat.

Immer leistungsbereiter, immer mobiler, immer fitter: Können Ältere diesen Ansprüchen überhaupt gerecht werden?

Carolin Hasenauer: Die heutige Leistungsgesellschaft hat in der Tat sehr viel mit Druck zu tun – beruflich, sozial, familiär. Man muss mithalten können, sonst bleibt man sprichwörtlich auf der Strecke. Vielen gelingt das, selbst im Alter. Aber eben nicht allen. Bei dem Projekt „Altwerden in der Leistungsgesellschaft“ der katholischen Journalistenschule ifp hat sich mein Volontärs-Jahrgang mit unterschiedlichen Menschen befasst – unter anderem auch mit einer Frau, die sich nach dem Tod ihres Mannes die Wohnung nicht mehr leisten konnte. Sie lebt jetzt in einer Art Wohngemeinschaft. Sie war viele Jahre verheiratet – doch dann blieb ihr nur eine schmale Rente. Wenn man so will: An diesem Punkt wurde sie von der Gesellschaft abgehängt.

Ist das ein typisches Beispiel für Altersarmut?

Lydia Staltner: Ja, Altersarmut ist weiblich. Das liegt vor allem an den Erwerbsbiografien von Frauen: Früher waren Männer in der Regel die Alleinverdiener, Frauen blieben daheim, versorgten die Kinder und schmissen den Haushalt; vielleicht jobbten sie noch in Teilzeit. Entsprechend niedrig fallen heute ihre Renten aus. Nach dem Tod des Mannes oder nach einer Scheidung stehen viele dieser Frauen vor dem Nichts. Und schämen sich für ihre Armut!

Woher kommt diese Scham?

Staltner: Letztlich wird diesen Frauen suggeriert, dass ihre Lebensleistung nichts wert ist. Natürlich ist das beschämend! Insbesondere für unsere Gesellschaft, wie ich finde. Es gibt selbst heute unzählige Berufe, die absehbar in die Altersarmut von morgen führen können. Und: Diese Berufe sind meist weiblich! Verkäuferin, Krankenpflegerin – nur, um zwei Beispiele zu nennen. Zudem sind es in der Regel die Frauen, die etwa die Mutter oder Schwiegermutter daheim pflegen und dafür im Job zurücktreten. Als „Dank“ dürfen sie dann im Ruhestand jeden Euro zweimal umdrehen.

Die Wirtschaft allein kann das eigentliche Problem nicht lösen

Salopp gefragt: Kann die Wirtschaft helfen, wo der Staat offensichtlich immer wieder versagt?

Helmut Lind: Noch leben wir in einer Welt, in der Geld, Macht und Leistung mehr zählen als Mitgefühl, Liebe und Frieden. Konkurrenz schlägt Kooperation, die Ökonomisierung durchdringt alle Bereiche. Die Wirtschaft allein kann daher im Moment nicht das eigentliche Problem lösen – das ist ja im System angelegt. Aber: Sie kann zumindest die Symptome bekämpfen, sprich: Als Banker können wir etwa die Menschen dafür sensibilisieren, richtig vorzusorgen, sich gegen Altersarmut so gut wie möglich abzusichern. Wir sehen immer wieder – um ein Beispiel zu nennen –, was etwa eine Scheidung finanziell bedeuten kann. Am Ende zählen Verträge, nicht Versprechen. Leider.

Ihre Bank geht seit einigen Jahren ganz bewusst einen anderen Weg. Sie weisen unter anderem eine Gemeinwohlbilanz aus. Warum?

Lind: Wir reagieren auf die Zeichen der Zeit! 80 Prozent der Menschen wünschen sich inzwischen eine andere Wirtschaftsordnung, das hat eine Bertelsmann-Studie ergeben. Derzeit gilt: Wer nichts leistet, ist nichts wert. Aber das ist falsch! Man kann nur etwas leisten, wenn man nicht permanent unter Druck steht – wir brauchen also Erholungs- und Selbstfindungsphasen, und wir sollten sie uns ohne schlechtes Gewissen nehmen können.

Das klappt aber nicht. Wieso eigentlich nicht?

Hasenauer: Wir sind heute eine Gesellschaft von Individualisten. Bei nahezu jeder Entscheidung, die wir treffen, fragen wir uns: Was wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte? Es gibt so viele Möglichkeiten – und somit einen gewissen Zwang, diese vielen Möglichkeiten zu nutzen. Die meisten Menschen mit Anfang, Mitte 20 haben ihre 5-Jahres-Pläne, die gespickt sind mit persönlichen Zielvorgaben – und Versagensängsten. Es ist nicht leicht, da auszusteigen. Wir alle sind in diesem Sog drin ...

Und bleiben dort ein Leben lang? Was könnte den Ausstieg erleichtern?

Lind: Ein bedingungsloses Grundeinkommen! Ich bin ein großer Anhänger davon. Ein Sozialstaat, der seinen Namen verdient, muss dafür sorgen, dass die Menschen – vor allem die älteren – in Würde leben können! Mit einem reinen Profit-Denken kommen wir nicht weiter. Meines Erachtens nach sitzen wir heute am Sterbebett des Kapitalismus. In spätestens 25 Jahren ist er tot.

Das müssten Sie uns jetzt genauer erklären.

Lind: Gegenfrage: Wenn Sie heute einen Betrag X anlegen, was bekommen Sie in 30 Jahren heraus? Die Antwort lautet: Weniger, als Sie ursprünglich angelegt hatten! Das ist ein Szenario, das es so noch nie gab. Ich könnte jetzt viel zum Negativzins ausführen, aber dieses konkrete Beispiel zeigt eines: Das alte System hat ausgedient. Und wir müssen gegensteuern.

Die SPD fordert eine Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung. Ein Vorstoß, der in dieselbe Richtung geht wie das bedingungslose Grundeinkommen. Ist das die Waffe gegen Altersarmut?

Staltner: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Allein in den vergangenen drei Jahren haben wir rund 8400 Rentner in Oberbayern betreut. Diese Menschen leben sehr bescheiden – dennoch reichen ihre Renten nicht. Wir helfen schnell und unbürokratisch. Aber die Betroffenen müssen ihre Scham überwinden, um zu uns zu kommen. Eine Grundrente könnte ihnen ein würdevolles Altern ermöglichen. Ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.

Interview: Barbara Nazarewska     

Schenken auch Sie ein bisschen Würde, liebe Leserinnen und Leser!

Eine warme Mahlzeit pro Tag, etwas weniger Sorgen am Monatsende, ein erhobener Kopf im Supermarkt: Schon mit 35 Euro im Monat spenden Sie echte Lichtblicke für Rentner in Not. Unter dem Motto „Oberbayern gegen Altersarmut“ suchen der Münchner Merkur und die Sparda-Bank München Paten für bedürftige Senioren.

Eine Patenschaft kostet nur 35 Euro im Monat. Über die Laufzeit entscheiden die Spender. „2003 waren wir der erste Verein in Deutschland, der sich finanziell für bedürftige Rentner eingesetzt hat – und das tun wir bis heute“, sagt Vereinschefin Lydia Staltner. „Allein in den vergangenen drei Jahren haben wir rund rund 8400 Rentnern in Oberbayern geholfen. Nur, wenn wir alle zusammen helfen, können wir Altersarmut bekämpfen.“

Schenken auch Sie ein bisschen Würde, liebe Leserinnen und Leser: als Pate oder mit einer einmaligen Spende! Überweisungen bitte aufs Konto des Vereins Lichtblick Seniorenhilfe (Schweigerstraße 15, 81541 München) bei der

Sparda-Bank München

IBAN: DE30 7009 0500 0004 9010 10

BIC: GENODEF1S04

(Für eine Spendenquittung geben Sie bitte Ihre Anschrift an.)

Oder spenden Sie online: www.seniorenhilfe-lichtblick.de/spendenformular-patenschaft/ Als gemeinnütziger Verein leitet dieser stets die Summe an die bedürftigen Senioren weiter. Weitere Informationen finden Sie unter www.seniorenhilfe-lichtblick.de.

Quelle: Merkur.de