Vor dem meteorologischen Sommerbeginn

Sommer-Prognose: Hoffentlich hat der 100-jährige Kalender nicht recht

Wenn‘s nach dem Kalender geht, steht uns der Sommer in Haus. Die Vorhersagen sind aber durchwachsen. Diese Prognosen machen Fachleute für Natur und Wetter.

Es ist Sommer in der Stadt: Am 1. Juni ist meteorologischer Sommerbeginn – und passend dazu soll es in Bayern tatsächlich etwas wärmer werden. Denn der Frühling war dieses Jahr außergewöhnlich kalt – schade für viele Sonnenanbeter, aber eine Wohltat für manche Pflanzen. Die Natur gedeiht auf jeden Fall bisher prächtig. Jetzt kommt alles darauf an, wie sich das Wetter in den nächsten Wochen entwickeln wird. Noch sind genaue Vorhersagen zwar schwierig, wir wagen aber trotzdem schon einmal einen ersten Blick Richtung Sommer.

Anton Stürzer ist Landwirt und Bauern-Kreis-Obmann. Hier posiert er auf einer Wiese vor seinem Hof in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Foto: Achim Schmidt

Bauern hoffen auf eine gute Ernte

Während viele den Regen im Mai nicht mehr sehen konnten, freut’s die Landwirte. „Für den Forstbereich war’s ein Wahnsinns-Segen“, sagt Anton Stürzer, Kreisobmann im Münchner Kreisverband des Bayerischen Bauernverbandes. Die Bäume können das Wasser speichern, der Grundwasserspiegel steigt und das Gras wächst und wächst. Was seine Ernte angeht, ist der Landwirt optimistisch. Immerhin besagt eine alte Bauernregel: „Ist der Mai kühl und nass, füllt’s dem Bauern Scheun’ und Fass.“ Den Sonnenfreunden macht ein anderer Spruch hingegen wenig Hoffnung. „Kommt die Eiche vor der Esche, gibt’s im Sommer große Wäsche.“ Wenn also die Eiche zuerst zu blühen beginnt, wird der Sommer eher verregnet. „Und genau das ist heuer der Fall“, sagt Stürzer. Seine Erfahrung aus über 40 Jahren Landwirtschaft hat ihm gezeigt, dass es oft so zutrifft.

Thomas Janschek ist ein Experte für Gartenbau.

Warum uns jetzt das Klima grün ist

„Die nächsten zehn Tage wird die Natur durchstarten“, sagt Pflanzen-Experte Thomas Janschek. „Wenn das Wetter so bleibt, könnte ein bayerischer Dschungel entstehen.“ Viele Pflanzen gedeihen heuer besonders gut. „Sie haben genügend Wasser“, erklärt der 50-Jährige. Und: „Die mäßige Temperatur lässt ein kontinuierliches Wachsen und Blühen ohne Unterbrechungen zu.“ Ungeliebten Insekten wie dem Buchsbaumzünsler dagegen hat das Wetter gar nicht gefallen. „Ich gehe davon aus, dass es heuer weitaus weniger gibt“, sagt er. Die Obstbäume wiederum hatten zwar schöne Blüten. „Aber den Bienen war es zu feucht und kalt“, erklärt Janschek. „Es kann sein, dass die Obsternte etwas geringer ausfällt.“ Bei anderen Pflanzen wie dem Spargel und den Erdbeeren verzögert sich die Ernte nur.

Der Gärtnerwunsch für den Sommer: „Optimal wären am Tag Temperaturen unter 30 Grad, in der Nacht Temperaturen über zehn Grad und immer wieder milder Landregen“, hofft Janschek. Langfristige Wettervorhersagen mit Pflanzen seien schwierig. Kurzfristige Veränderungen könne der aufmerksame Beobachter aber erkennen: „Pflanzen sind wetterfühlig. Wenn sich der Luftdruck verändert, schließen zum Beispiel manche die Poren.“ Ein Zeichen, dass sich ein Gewitter anbahnt. Thomas Janschek ist ein Experte für Gartenbau

Michael Ritter, Landesverein für Heimatpflege.

Die Prophezeiung des 100-jährigen Kalenders

Hoffentlich hat der 100-jährige Kalender nicht recht! Seine Voraussage: Ein kalter Sommer mit viel Regen steht uns bevor. Immerhin: Die erste Juli-Hälfte soll warm und schön werden – die zweite aber „kontinuierlich feucht mit Sturm und häufig auftretenden Platzregen“. Was ist dran? Der Kalender bezieht sich auf Vorhersagen aus dem 17. Jahrhundert von Mauritius Knauer, Abt im fränkischen Kloster Langheim. „Die Grundlage waren lediglich einige Jahre Beobachtungen im Umgriff des Klosters“, erklärt Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. „Es wäre vermessen, daraus einen Kalender für ganz Europa abzuleiten.“ Das Wetter habe früher eine existenzielle Bedeutung gehabt. „Entscheidend war, dass Unwetter ausblieben“, sagt er. Die Menschen gingen deshalb zum Wallfahren, stellten bei Gewitter eine schwarze Wetterkerze ans Fenster, vergruben an Ostern geweihte Palmkätzchen oder Ostereier an allen Ecken ihrer Äcker und wollten mit Kirchenglocken Gewitter vertreiben. Michael Ritter, Landesverein für Heimatpflege

DWD-Meteorologe Guido Wolz.

Nächste Woche schaut die Sonne vorbei

Die letzten Zahlen fehlen zwar noch, doch die Tendenz für den Frühling 2021 ist klar: Es war zu kalt. „Es ist vermutlich das kälteste Frühjahr in Bayern seit 1987“, sagt Guido Wolz vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Die Mitteltemperatur lag in München für März bis Mai bei rund acht Grad – das ist 0,9 Grad kälter als der Vergleichswert aus den Jahren 1961 bis 1990. Auffällig ist: Der April war sehr trocken, der Mai deutlich zu nass. Bezogen auf das gesamte Frühjahr nähert sich die Regenmenge dem langfristigen bayerischen Schnitt von 220 Liter pro Quadratmeter an. Wie der Sommer wird? „Prognosen mehr als sieben bis zehn Tage im Voraus sind spekulativ“, sagt Wolz. „Wir leben in der Westwindzone, da kann sich das Wettergeschehen schnell ändern.“ Immerhin: Nächste Woche kommt langsam der Sommer und die Temperaturen steigen. Am Mittwoch rechnet der DWD mit 20 bis 24 Grad und ab Freitag gebietsweise über 25 Grad, dazu wird es wohl trocken bleiben.

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