Alte Methode ab 2019 verboten 

Zwei Schnitte spalten den Bundesrat: Streit um Ferkelkastration

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Für den vierten Weg: Landwirt Gerhard Langreiter will seine Ferkel auch künftig selbst kastrieren - mit örtlicher Betäubung.

Ab 2019 dürfen männliche Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden. Doch Bauern und Fleischbranche kritisieren die Alternativen – und wollen in letzter Minute einen Aufschub erreichen. Unterstützung bekommen sie von der Staatsregierung.

Oberneukirchen/München – Gerhard Langreiter steht in seinem Schweinestall in Oberneukirchen im Landkreis Mühldorf am Inn und nimmt eines seiner Ferkel auf den Arm. „Hier sieht man noch die Wunde“, sagt der 37-Jährige und zeigt die Stelle, an der die beiden kleinen Skalpellschnitte zu sehen sind, mit denen er das männliche Ferkel vor einigen Tagen kastriert hat.

Diese zwei Schnitte, die der Schweinebauer an seinem Betrieb mit 170 Muttersauen im Jahr rund 2000 Mal setzt, sorgen seit Jahren für eine politische Debatte. Denn bislang werden sie ohne Betäubung durchgeführt. Um die Tiere vor den Schmerzen bei diesem Eingriff zu schützen, hat der Bundesrat vor sechs Jahren beschlossen, die betäubungslose Ferkelkastration zu verbieten. Die Übergangsfrist endet am 1. Januar 2019. Ab dann dürfen Bayerns Bauern nach drei Methoden kastrieren – aber die hält Gerhard Langreiter weder für praxistauglich noch für besonders tierfreundlich. Er plädiert wie der Bayerische Bauernverband für die Zulassung eines vierten Wegs. Doch die Zeit wird knapp.

Sollte das Gesetz wie geplant in Kraft treten, dürfen deutsche Schweinehalter künftig folgende Methoden wählen: Entweder sie verzichten ganz auf die Kastration und mästen die Eber, wie sie sind. Der Nachteil: Wenn die Tiere die Geschlechtsreife erlangen, droht Stress im Stall. Die Eber können aggressiv werden und sich gegenseitig verletzen. Zudem ist das Fleisch schlecht zu verkaufen, denn bei etwa vier Prozent aller Eber tritt beim Fleisch ein widerlicher Geruch auf. Erwischt ein Kunde beim Metzger ein Stinkerschnitzel, dürfte selbst der eingefleischteste Grillmeister künftig lieber zum Blumenkohl greifen.

Variante zwei: Die Schweinehalter lassen ihre Tiere chirurgisch von einem Tierarzt kastrieren. Das Problem hier: Die Methode ist teuer – „und es gibt gar nicht genügend Tierärzte, um das flächendeckend durchzuführen“, sagt Gerhard Langreiter.

Bleibt als letzte Möglichkeit die sogenannte Immunokastration, bei der die Ferkel mit einem Mittel geimpft werden, um nicht geschlechtsreif zu werden. Die größte Sorge von Züchtern und Mästern: Die Skepsis des Verbrauchers. Würden die Kunden Fleisch kaufen, das mit einem Kastrationsimpfstoff behandelt wurde? Nein, glaubt die Fleischwirtschaft. Und exportieren könne man dieses Fleisch schon gleich gar nicht.

Tierschützer lehnen Methode mit örtlicher Betäubung ab

Geht es nach Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl, kommt als sinnvolle Lösung nur der sogenannte vierte Weg infrage. Dabei nehmen die Bauern die Kastration weiter selbst vor, nachdem sie das Ferkel mit einer örtlichen Betäubung vor den Schmerzen geschützt haben. Das Ferkel komme so schneller wieder zur Muttersau, und die Methode sei auch für Kleinbetriebe praktikabel, argumentiert Heidl. Doch im Gegensatz zu Ländern wie Dänemark oder Schweden ist dieses Vorgehen in Deutschland bislang nicht zugelassen – weil Studien fehlen, die nachweisen, dass diese Methode für die Tiere völlig schmerzfrei ist. Während der Deutsche Fleischerverband und der Tiergesundheitsdienst Bayern den vierten Weg unterstützen, machen Tierschützer dagegen mobil. Die Methode verursache Stress und schalte den Schmerz während der Kastration nicht ausreichend aus, kritisiert der Deutsche Tierschutzbund.

Doch neben dem Tierwohl geht es auch um die Kosten. So fürchtet Heidl, dass gerade kleinere Ferkelhalter in Bayern ihre Betriebe aufgeben werden, wenn die Kastration deutlich teurer wird. „Gleichzeitig würden dann Ferkel aus Dänemark quer durch Deutschland nach Bayern transportiert, um hier gemästet zu werden.“ Ferkel, die mit der Methode kastriert wurden, die in Deutschland nicht zugelassen ist. „Das wäre ein Bärendienst für den Tierschutz“, sagt Heidl.

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Er kämpft deshalb für eine Verlängerung der Übergangsfrist. In der Zeit sollen neue Studien belegen, dass der vierte Weg schmerzfrei für die Ferkel ist. Aber für eine Verlängerung braucht es eine Mehrheit im Bundesrat, der an diesem Freitag über das Thema berät. Schon Anfang September hatten mehrere Bundesländer, darunter auch Bayern, eine Fristverlängerung beantragt. Doch die Anträge waren untereinander schlecht abgestimmt, keiner fand eine Mehrheit. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) appellierte am Freitag noch einmal mit einem Brief an ihre Länderkollegen. Sie wolle einen „für alle Seiten zufriedenstellenden Kompromiss finden“, heißt es darin. Gemeinsam mit dem Land Niedersachsen plädiert sie für eine Verlängerung der Übergangsfrist um zwei weitere Jahre. Doch ob dieser erneute Vorstoß im Bundesrat eine Mehrheit findet, ist völlig offen.

Für Gerhard Langreiter, seine Berufskollegen und die knapp 900 000 Ferkel in Bayerns Ställen bleibt die Unsicherheit, wie es weitergeht.

Quelle: Merkur.de